Wenn Sprache über Bildschirme wächst: Unerwartete Mehrsprachigkeit im Autismus-Spektrum
- 20. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Sprache entsteht durch Beziehung, gemeinsame Aufmerksamkeit und soziale Interaktion. Manche autistische Kinder scheinen zusätzliche Sprachen auf ganz anderen Wegen zu erwerben: über Filme, YouTube, Computerspiele oder andere digitale Medien. Ohne direkten Gesprächspartner und ohne, dass diese Sprache im familiären Alltag aktiv gesprochen wird.

Eine aktuelle Studie von Hindi & Meir (2026) untersucht dieses Phänomen: sogenannte „non-interactive bilingualism“ oder auch „unexpected bilingualism“ bei autistischen Kindern. Gemeint ist damit der Erwerb einer weiteren Sprache über überwiegend nicht-interaktive, bildschirmbasierte Zugänge. Die Studie fragt dabei nicht nur, ob diese Kinder Sprache lernen, sondern auch, wie sie sie in spontanen Erzählungen tatsächlich verwenden.
Wenn Englisch plötzlich einfach da ist
Die Untersuchung verglich drei Gruppen bilingualer Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren:
autistische Kinder mit überwiegend nicht-interaktivem Englischkontakt (z. B. über Medien),
autistische Kinder mit klassisch-interaktivem bilingualem Aufwachsen,
sowie nicht-autistische bilinguale Kinder.
Alle Kinder erzählten Geschichten auf Hebräisch und Englisch. Analysiert wurde unter anderem, wie umfangreich ihre Erzählungen waren, wie vielfältig ihre Sprache genutzt wurde und wie gut sie Bezugspersonen oder Figuren innerhalb der Geschichte sprachlich nachvollziehbar markierten. Besonders bemerkenswert: Die autistischen Kinder mit nicht-interaktiv erworbenem Englisch zeigten in ihren Erzählungen keine grundsätzlichen Nachteile gegenüber den anderen Gruppen. Weder bei Wortschatzvielfalt noch bei Satzkomplexität oder allgemeiner Erzählproduktion fanden sich bedeutsame Unterschiede.
Sprache entsteht nicht nur im Gespräch
Die Studie zeigt , dass manche autistische Kinder offenbar sehr stark von wiederkehrenden sprachlichen Mustern, Strukturregelmäßigkeiten und statistischen Eigenschaften von Sprache profitieren können. Frühere Arbeiten, auf die sich die Autorinnen beziehen, beschreiben eine besondere Sensibilität für sprachliche Regelhaftigkeiten und Mustererkennung. Gerade digitale Medien bieten häufige Wiederholung, Vorhersehbarkeit, hohe Motivationslage, kontrollierbare Zugänge und große Mengen sprachlichen Inputs.
Für manche autistische Kinder scheint dies eine sehr zugängliche Form des Spracherwerbs zu sein.
Narrative Fähigkeiten: Mehr Kompetenz als oft angenommen
Besonders interessant ist, dass die Kinder mit nicht-interaktiv erworbener Zweitsprache in ihren Erzählungen durchaus typische narrative Strategien nutzten. Neue Figuren wurden eher mit vollständigen Bezeichnungen eingeführt („der Hund“), später dann häufiger mit Pronomen weitergeführt („er“). Dieses Muster gilt als wichtiger Bestandteil kohärenter Erzählungen. Auch die häufige Annahme, autistische Kinder hätten grundsätzlich Schwierigkeiten mit narrativer Kohärenz oder sprachlicher Referenzbildung, wird durch die Ergebnisse differenzierter betrachtet. Zwar zeigte eine der autistischen Gruppen mehr mehrdeutige Pronomenverwendungen, doch dies galt gerade nicht für die Kinder mit nicht-interaktiv erworbenem Englisch.
Was bedeutet das für unseren Blick auf Sprache?
Die Studie fordert nicht dazu auf, soziale Interaktion in der Sprachentwicklung für unwichtig zu erklären. Vielmehr erweitert sie den Blick darauf, wie unterschiedlich Sprachlernen aussehen kann. Gerade im Autismus-Spektrum werden Interessen, Mediennutzung oder intensive Beschäftigung mit bestimmten Inhalten oft vorschnell als „isoliert“ oder „nicht sozial“ betrachtet. Die Ergebnisse legen jedoch nahe, dass genau diese Interessen hochwirksame Lernräume sein können. Ein Kind, das stundenlang englischsprachige Videos schaut, „macht nicht nichts“.Es analysiert möglicherweise Muster. Es speichert Sprachrhythmen.Es erkennt Wiederholungen. Es baut Bedeutungen auf.Und es entwickelt sprachliche Kompetenzen, auch ohne klassischen Gesprächskontext.
Sprachförderung heißt nicht immer: mehr direkte Anleitung
Für pädagogische und therapeutische Praxis ergibt sich daraus eine wichtige Perspektive:Nicht jede Sprachentwicklung muss denselben Wegen folgen. Manche autistische Kinder profitieren stark von direkter sozialer Interaktion.Andere scheinen Sprache zusätzlich oder teilweise über hochstrukturierte mediale Zugänge aufzubauen.
Das bedeutet nicht, Kinder allein mit Bildschirmen zu lassen. Aber es bedeutet, ihre tatsächlichen Lernwege ernst zu nehmen, statt sie ausschließlich an neurotypischen Vorstellungen von Sprachlernen zu messen.
Vielleicht sollten wir weniger fragen:„Warum spricht das Kind so viel über Videos oder Spiele?“Und öfter:„Was genau macht das Kind dort gerade?“
Fazit
Die Studie von Hindi & Meir macht sichtbar, dass Mehrsprachigkeit im Autismus-Spektrum auf sehr unterschiedlichen Wegen entstehen kann. Sprache entwickelt sich nicht immer nur über direkte soziale Interaktion. Manche autistische Kinder scheinen sprachliche Muster auch über nicht-interaktive Medienzugänge bemerkenswert differenziert aufzunehmen und zu nutzen. Damit erweitert die Studie unseren Blick auf Sprachentwicklung insgesamt:Nicht nur wie viel soziale Interaktion vorhanden ist, scheint entscheidend zu sein, sondern auch, welche Formen von Aufmerksamkeit, Motivation, Wiederholung und Struktur Kindern zur Verfügung stehen.
Literatur
Hindi, I., & Meir, N. (2026). Non-interactive and naturalistic language exposure in autism: An investigation of narrative production in bilingual children. Journal of Communication Disorders, 122, 106650. https://doi.org/10.1016/j.jcomdis.2026.106650
Bild: Unsplash / Victor Gariev


