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Mehr als Worte zählen: Warum „nonverbal“ und „minimal verbal“ Sprache im Autismus-Spektrum nicht gerecht werden.

  • 25. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Sprache ist zentral für Teilhabe, Beziehung und Selbstbestimmung und wird in Forschung und Praxis häufig über gesprochene Wörter definiert. Doch was bedeutet „Sprache“ für Menschen im Autismus-Spektrum? Und was bleibt unbeachtet, wenn wir sie mit Begriffen wie „nonverbal“ oder „minimal verbal“ beschreiben?


Ein sich drehendes Windspiel
Buchstabenplättchen liegen durcheinander. Bild von Sven Brandsma (Unsplash)

Sprache ist grundlegend für Beziehung, Teilhabe und Selbstbestimmung. In Forschung und Praxis wird autistische Sprache jedoch bis heute häufig auf einen einzelnen Aspekt reduziert: auf die Anzahl gesprochener Wörter. Begriffe wie „verbal“, „minimal verbal“ oder „nonverbal“ sind fest etabliert und wirken auf den ersten Blick beschreibend. Die aktuelle Arbeit von Bottema-Beutel et al. (2025) zeigt jedoch, wie problematisch diese Kategorisierungen sind und warum es an der Zeit ist, autistische Sprache grundlegend neu zu denken.


Was erfassen diese Begriffe tatsächlich?

Und was bleibt unsichtbar, wenn Sprache vor allem über Lautsprache definiert wird?


Wenn gesprochene Wörter mit Sprache gleichgesetzt werden

In vielen Studien und diagnostischen Kontexten wird Sprachfähigkeit nahezu ausschließlich über gesprochene Wörter bestimmt. Die Autorinnen und Autoren machen deutlich, dass hier eine folgenschwere Verkürzung stattfindet. Sprache wird mit Sprechen gleichgesetzt, während andere sprachliche Ressourcen kaum berücksichtigt werden.

Dabei ist Sprache von ihrem Wesen her multimodal. Sie umfasst nicht nur Wörter, sondern auch Gesten, Blick, Körperorientierung, Rhythmus, Prosodie, Pausen, Wiederholungen, Echolalie, schriftliche Ausdrucksformen sowie unterstützte Kommunikation. All diese Mittel dienen der Bedeutungsherstellung und sind integrale Bestandteile von Sprache.

Wenn autistische Menschen als „nonverbal“ bezeichnet werden, obwohl sie über solche Ressourcen verfügen oder Sprache gut verstehen, entsteht ein verzerrtes Bild ihrer kommunikativen Möglichkeiten.


Sprache als gemeinsames Geschehen

Ein zentraler Gedanke des Beitrags ist die Auffassung von Sprache als interaktivem Prozess. Bedeutung entsteht nicht allein in der sprechenden Person, sondern im Zusammenspiel mit anderen. Kommunikation ist immer ko-konstruiert und setzt gegenseitige Anstrengung voraus.

Gerade autistische Menschen nutzen häufig Ausdrucksformen, die stark kontextgebunden sind und auf Resonanz angewiesen bleiben. Echolalie, wiederholte Phrasen oder körperlich abgestimmte Handlungen entfalten ihre kommunikative Bedeutung erst dann, wenn sie von anderen aufgegriffen und beantwortet werden.

Ob Kommunikation gelingt, ist daher nicht nur eine Frage individueller Fähigkeiten, sondern ebenso eine Frage der Haltung und Kompetenz der Kommunikationspartnerinnen und Kommunikationspartner.


Die Folgen einer einseitigen Reduktion

Die Einteilung in „verbal“ und „nonverbal“ ist ein Beispiel für eine starke Vereinfachung eines hochkomplexen Phänomens. Gesprochene Wortanzahl wird zum alleinigen Kriterium für Sprachfähigkeit, Förderbedarf und Zugangsentscheidungen zu Unterstützungsangeboten.

Unberücksichtigt bleiben dabei unter anderem rezeptive Sprachkompetenzen, multimodale Ausdrucksformen, situative Schwankungen durch Stress oder Erschöpfung sowie der subjektive Aufwand, den Sprechen für manche autistische Menschen bedeutet. Auch die Frage, ob gesprochene Sprache zuverlässig das ausdrückt, was innerlich gemeint ist, wird kaum gestellt.

Diese Verkürzung bleibt nicht folgenlos. Autistische Menschen berichten davon, unterschätzt zu werden, nicht einbezogen zu sein oder keinen Zugang zu unterstützter Kommunikation zu erhalten, weil sie als „sprachlich ausreichend“ gelten.


Wann ist Sprache „genug“

Besonders eindrücklich beschreiben Bottema-Beutel et al. das Spannungsfeld, in dem sich viele autistische Menschen bewegen. Sie sprechen zu wenig, um als kompetente Kommunikatorinnen und Kommunikatoren anerkannt zu werden, und zugleich zu viel, um Anspruch auf zusätzliche Unterstützung zu haben.

Dabei zeigt sich immer wieder, dass auch Menschen mit wenigen gesprochenen Wörtern über differenzierte kommunikative Repertoires verfügen können, sofern ihr Umfeld bereit ist, diese wahrzunehmen und zu nutzen. Die entscheidende Frage ist daher nicht, wie viele Wörter jemand spricht, sondern wie gut Verständigung im Alltag gelingt.


Perspektiven für Forschung und Praxis

Die Autorinnen und Autoren plädieren für einen grundlegenden Perspektivwechsel. Autistische Sprache sollte als mehrdimensionales, multimodales und kontextabhängiges Phänomen beschrieben werden. Statt defizitorientierter Kategorien braucht es differenzierte Beschreibungen sprachlicher Ressourcen und kommunikativer Zugänge.

Begriffe wie „non-speaking“ oder „minimally speaking“ werden bewusst vorgeschlagen, da sie Sprechweisen benennen, ohne Sprachfähigkeit insgesamt infrage zu stellen. Ebenso wird betont, wie wichtig es ist, nicht sprechende autistische Menschen aktiv in Forschung und Konzeptentwicklung einzubeziehen.

Unterstützung sollte sich an kommunikativer Teilhabe orientieren und nicht ausschließlich an der Förderung von Lautsprache.


Fazit

Der Beitrag von Bottema-Beutel et al. ist weit mehr als eine terminologische Diskussion. Er macht sichtbar, wie sehr unser Verständnis von Sprache darüber entscheidet, wie wir autistische Menschen wahrnehmen und unterstützen.

Wer Sprache nicht auf gesprochene Wörter reduziert, öffnet den Blick für Vielfalt, für Beziehung und für andere Formen des Verstehens. Gute Sprachförderung beginnt dann nicht beim Zählen von Wörtern, sondern beim genauen Hinsehen und beim ernsthaften Zuhören.


Literatur

Bottema-Beutel, K., Zisk, A. H., Zimmerman, J., & Yu, B. (2025). Conceptualizing and describing autistic language: Moving on from „verbal“, „minimally verbal“ and „nonverbal“. Autism, 29(6), 1367–1373. https://doi.org/10.1177/13623613251332573

 

 
 
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