Was autistische Kinder über ihre Spielwelten erzählen
- 28. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Spiel gilt oft dann als „gut“, wenn es bestimmten Vorstellungen entspricht: sozial, flexibel, fantasievoll und möglichst abwechslungsreich. Gerade das Spiel autistischer Kinder wird deshalb bis heute häufig danach bewertet, was angeblich fehlt. Eine aktuelle Studie von O’Keeffe & McNally (2025) richtet den Blick stattdessen auf eine andere Frage: Wie erleben autistische Kinder ihr Spiel selbst?

Dafür wurden 19 autistische Kinder zwischen fünf und dreizehn Jahren ausführlich zu ihren Spielwelten befragt. Nicht Erwachsene beobachteten und interpretierten das Spiel von außen, sondern die Kinder beschrieben selbst, was Spiel für sie bedeutet. Die Interviews wurden durch Zeichnungen, Fotos, gemeinsames Gestalten und andere kreative Methoden ergänzt.
Die Antworten der Kinder zeichnen ein Bild, das sich deutlich von vielen traditionellen Beschreibungen autistischen Spiels unterscheidet.
Die Kinder beschrieben Spiel vor allem über das innere Erleben: Spaß, Aufregung, Ruhe, Freiheit und das Gefühl, ganz in etwas eintauchen zu können. „It just makes people happy.“ „What matters is you’re having fun.“ Ein Junge beschreibt Virtual-Reality-Spiele mit den Worten: „Like it’s making my heart run.“
Auffällig ist dabei, dass die Kinder kaum darüber sprechen, ob ihr Spiel „richtig“ oder „falsch“ ist. Sie sprechen darüber, wie es sich anfühlt. Genau diese Perspektive fehlt in vielen wissenschaftlichen Beschreibungen autistischen Spiels bis heute. Dort wird häufig vor allem beobachtet, ob ein Spiel sozial genug, flexibel genug oder symbolisch genug erscheint.
Viele Kinder beschrieben soziale Verbundenheit als wichtigen Bestandteil ihres Spiels. Sie erzählten von Freundschaften, Fangenspielen, Fußball, gemeinsamen Fantasiewelten, Rollenspielen oder gemeinsamen Online-Spielen. Das widerspricht einer alten Vorstellung, autistische Kinder hätten grundsätzlich wenig Interesse an sozialem Spiel. Gleichzeitig beschrieben einige Kinder sehr deutlich, warum sie zeitweise lieber allein spielen. Nicht aus mangelndem Interesse an anderen Menschen, sondern weil sie dort ungestört in ihre Themen eintauchen können, niemand hineinredet oder sie selbst bestimmen können, wie das Spiel verläuft. Manche Kinder beschrieben Alleinspielen auch als beruhigend und regulierend.
Solitäres Spiel erscheint hier nicht als Ausdruck sozialer Defizite, sondern oft als Bedürfnis nach Ruhe, Flow, Selbstbestimmung oder sensorischer Regulation.
Viele Kinder beschrieben intensive Freude an sensorischen Erfahrungen: Wassergeräusche, das Klicken eines Stifts, Bewegung, Trampoline, Gerüche, Natur, Zahlen oder Wiederholungen. Gerade solche Spielformen werden von Erwachsenen häufig vorschnell als „stereotyp“ oder „zwecklos“ eingeordnet. Die Kinder selbst beschrieben sie dagegen als spannend, beruhigend, lustig oder einfach „satisfying“.
Die Studie erinnert daran, dass Spiel nicht erst dann bedeutsam wird, wenn Erwachsene seinen Sinn sofort verstehen.
Auch die Vorstellung, autistische Kinder hätten wenig imaginatives Spiel, wird durch die Interviews deutlich infrage gestellt. Die Kinder erzählten von Drachenwelten, Filmen, Animationen, Rollenspielen, digitalen Fantasieräumen und erfundenen Geschichten. Die Fantasie fehlt nicht. Sie zeigt sich oft nur in anderen Formen als jene, die Erwachsene erwarten.
Ein Gedanke zieht sich durch die gesamte Studie: Spiel braucht Freiwilligkeit und Selbstbestimmung. Die Kinder betonten immer wieder, wie wichtig Wahlfreiheit und eigene Kontrolle sind. „I can play whatever I want or else play just isn’t play.“
Das ist besonders relevant für pädagogische und therapeutische Kontexte. Dort wird Spiel häufig funktionalisiert: als Mittel für Sprachförderung, soziales Lernen oder Verhaltenssteuerung. Die Aussagen der Kinder machen deutlich, dass Spiel seinen Charakter verliert, wenn es zu stark kontrolliert oder gelenkt wird.
Die Arbeit von O’Keeffe & McNally verschiebt den Blick weg von Defiziten und hin zur Bedeutung von Spiel für die Kinder selbst. Autistische Kinder erscheinen hier nicht als „unzureichende Spieler“, sondern als Kinder mit oft sehr intensiven, kreativen, sensorischen und emotional bedeutsamen Spielwelten.
Autistische Kinder spielen nicht falsch. Sie spielen auf ihre Weise. Wenn wir eine Verbindung herstellen wollen, sollten wir darüber nachdenken, wie wir und dem Spiel der Kinder anschließen können, statt es verändern zu wollen.
Literatur
O’Keeffe, C., & McNally, S. (2025). “Like it’s making my heart run”: A strengths-based understanding of the play of autistic children. Autism, 29(6), 1469–1482. https://doi.org/10.1177/13623613251315985
Foto von Maxim Tolchinskiy auf Unsplash


