Vor dem Wort sind alle gleich

Wenn Kinder mit Autismus Schwierigkeiten im Lesen von Wörtern haben, so gleichen diese den Schwierigkeiten, die Kinder ohne Autismus zeigen. Jakob Åsberg und Annika Dahlgren Sandberg von der Universität Göteborg gingen der Frage nach, ob Störungen im Wortlesen bei autistischen Kindern autismusspezifisch ausgeprägt sind. Dies könnte z. B. helfen, zu entscheiden, ob diese Schwierigkeiten wie übliche Lesestörungen zu behandeln sind oder ob autismusspezifische Programme entwickelt werden müssen.
Die Wissenschaftler untersuchten fünfzehn Kinder im Alter zwischen zehn und 15 Jahren und stellten diese acht normal entwickelten Kindern (Kontrollgruppe) gegenüber. Alle Kinder mussten eine Wortliste lesen. Es wurde gemessen, wie viele Wörter ein Kind in einer Minute lesen konnte. Die gleiche Prozedur erfolgte mit dem Lesen von Fantasiewörtern.
Der Großteil der Kinder mit Autismus zeigte gute Lesefertigkeiten. Die Leseleistungen dieser Kinder unterschieden sich in keinem Bereich von denen der Kontrollgruppe. Eine Untergruppe der Schüler zeigte schwache Leseleistungen. Bei diesen Kindern korrelierten die schwachen Leseleistungen mit weiteren Schwierigkeiten in sprachlichen Tests, die in engem Zusammenhang mit den Leseleistungen stehen (schnelles Benennen, rezeptiver Wortschatz). Es gab jedoch keinen Zusammenhang zwischen der Lesefertigkeit und der Schwere der Autismus-Symptomatik. Die Profile der schwachen Leser mit Autismus unterschieden sich nicht von denen schwacher Leser ohne Autismus.
Autismus selbst scheint also keine Störungen des Wortlesens zu bewirken. Konsequenzen für den schulischen Alltag lassen sich aus mehreren Gründen noch kaum ableiten. Erstens war die Probandengruppe vergleichsweise klein, so dass eine statistische Auswertung der Leistungen wenig repräsentativ für alle Leser mit Autismus sein dürfte. Zweitens stellt sich die Frage, ob Ergebnisse aus dem Schwedischen direkt auf das Lesen deutscher Wörter übertragbar sind. Zuletzt zählt, sobald sich Leser ganzen Texten zuwenden (und auf dieser Stufe sind Kinder zwischen zehn und 15 Jahren), mehr als nur die Ganzworterkennung. Daher können Kinder mit Autismus in diesem Alter auch autismusspezifische Störungen auf anderen Ebenen des Leseprozesses aufweisen, selbst, wenn die Ganzworterkennung wie bei nicht autistischen Kindern ausgeprägt ist.
Åsberg, J. & Dahlgren Sandberg, A. (2012). Dyslexic, delayed, precocious or just normal? Word reading skills of children with autism spectrum disorders. Journal of Research in Reading, 35 (1), 20-31.