Gehirnstrukturen nichtsprechender Kinder – mehr Sprache durch mehr Melodie?

Kinder mit Autismus zeigen ein breites Leistungsspektrum hinsichtlich ihrer Sprachkompetenzen. Bis zu 25 Prozent der Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen verbleiben aber kaum- oder nichtsprechend. Das bedeutet für die Kinder große Schwierigkeiten in der Teilhabe an der Gesellschaft. Oft sind bei diesen Kindern auch Verhaltensweisen, welche die verbale Kommunikation ersetzen, zum Beispiel fremd- oder autoaggressives Verhalten, stärker ausgeprägt. Insgesamt gibt es noch wenig Erkenntnisse zu der Frage, warum diese Kinder keine Sprache entwickeln. Eine Gruppe von Hirnforschern aus Boston hat nun herausgefunden: Die autistischen Kinder, die nichtsprechend bleiben, zeigen andere Hirnstrukturen als sprechende Kinder.
Der “Fasciculus arcuatus” verbindet Hirnareale, die auf das Sprachverstehen spezialisiert sind, mit Arealen, in denen die motorische Planung abläuft. Er beteiligt sich an der Integration von auditorischen und motorischen Funktionen:  Er ist aktiv, wenn gehörte Laute in Artikulationsbewegungen übersetzt werden, wenn Artikulationsbewegungen geplant und koordiniert werden und kontrolliert die Sprechabläufe.

Bei sprachgesunden Kindern weist die Ausbildung des “Fasciculus arcuatus” eine linkswärtige Asymmetrie auf, die mit großer Wahrscheinlichkeit mit der Spezialisierung der linken Hirnhälfte auf Sprache zusammenhängt. Bei nichtsprechenden Kindern mit Autismus kehrt sich diese Asymmetrie, so die Autoren, um. Auch zwischen Kindern mit Asperger-Autismus (ohne Sprachstörung) und Kindern mit frühkindlichem Autismus (mit Sprachstörung) gibt es deutliche Unterschiede.

Die massiven Schwierigkeiten der nichtsprechenden Kinder kann möglicherweise mit den hirnstrukturellen Auffälligkeiten erklärt werden. Als Konsequenz verweisen die Autoren auf ein auditorisch-motorisches Zuordnungstraining, bei dem die Kinder gehörte Laute mit Artikulationsbewegungen in rhythmischen Artikulationsbewegungen beim Nachahmen intonierter Wörter assoziieren müssen. Diese Methode geht zurück auf die Melodische Intonationstherapie aus der Arbeit mit Schlaganfallpatienten. Sprache, einzelne Wörter und Phrasen werden hier verstärkt mit einer melodischen Sprechweise verknüpft. Auf dem Hintergrund der hirnstrukturellen Befunde könnte ein therapeutischer Ansatz diese Richtung positive Auswirkungen auf das Sprachlernen der Kinder haben.
 
Wan, C. Y. et al. (2012). Atypical hemispheric asymmetry in the arcuate fasciculus of completely nonverbal children with autism. Annals oft he New York Academy of Sciences, 1252 (1), 332-337.